Stress & Nervensystem

Warum ADHS und Dauerstress bei Frauen so oft zusammenkommen

Lesezeit ca. 6 Minuten

Vielleicht kennst du das: Der Tag sah von außen normal aus und abends bist du leer. Ein Geräusch, das andere kaum bemerken, nervt dich schon nach zwei Minuten. Die Nachricht, die du seit Tagen beantworten willst, liegt immer noch da.

Zu ADHS, Stress und Nervensystem gibt es viele Studien, einige Fragen sind noch offen. Hier steht, was bisher gut belegt ist. Was im Alltag entlastet, steht im zweiten Teil zu Emotionen und Selbstregulation.

ADHS und Dauerstress können sich gegenseitig verstärken. Wie stark, ist von Frau zu Frau verschieden.

Die Kurzfassung
  • ADHS und Dauerstress verstärken sich gegenseitig. Der Alltag kostet mit ADHS mehr Anstrengung und chronischer Stress kann die Symptome weiter verstärken.
  • Der Kreislauf ist ein Erklärmodell. Er hilft, Zusammenhänge zu verstehen, und beschreibt Tendenzen.
  • Schlafprobleme sind bei ADHS verbreitet. Halten sie lange an, lohnt sich eine ärztliche Abklärung.
  • Bei und Nervensystem sind die Befunde gemischt. Die Studien widersprechen sich: Ein typisches Cortisol-Muster bei ADHS gibt es bisher nicht. Viele Menschen mit ADHS nehmen Reize stärker wahr, bei Frauen wurde das häufiger berichtet.

Direkt zum Thema springen:

ADHS und Dauerstress verstärken sich gegenseitig

Vielleicht fragst du dich, warum sich ADHS und Stress so ähnlich anfühlen. Kurz gesagt: Dauerstress kann ADHS-Symptome verstärken und stärkere Symptome kosten wieder mehr Kraft. Ein Erklärmodell dazu beschreibt es so: Bei ADHS sind die Botenstoffe und im präfrontalen Kortex eher knapp. Der präfrontale Kortex sitzt hinter der Stirn und steuert Planen, Merken und das Bremsen von Impulsen.

Diese Botenstoffe arbeiten am besten auf mittlerem Niveau. Nach diesem Modell können ADHS und lang anhaltender Stress diese Balance im präfrontalen Kortex stören. Das Modell ist stark vereinfacht.

Ein Kreislauf, den viele kennen

  1. Alltagsaufgaben kosten mit ADHS mehr Anstrengung.
  2. Die Dauerbelastung wird zu chronischem Stress.
  3. , also das Verbergen und Ausgleichen von Symptomen, kostet zusätzlich Kraft.
  4. Schlaf und Erholung leiden.
  5. Mit der Erschöpfung werden die Symptome stärker.
  6. Stärkere Symptome erhöhen den Bedarf, alles auszugleichen, und der Kreislauf beginnt von vorn.

Der Kreislauf ist ein Erklärmodell und beschreibt Tendenzen. Wie stark jeder Schritt bei dir ausfällt, ist individuell.

Bei Frauen kommt oft Mental Load dazu, also die unsichtbare Denk- und Organisationsarbeit für andere. Care-Arbeit für Kinder oder Angehörige erhöht die Grundlast zusätzlich.

Wenn es Burnout wird

ADHS-Burnout beschreibt eine Erschöpfung auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene. Sie entsteht, wenn das Gehirn über Jahre Überstunden leistet, um Symptome auszugleichen. Erholung bleibt dabei kaum. Der Begriff stammt aus der Praxis und ist keine offizielle Diagnose.

Fachleute nennen die Belastung, die sich durch Dauerstress über Jahre aufsummiert, allostatische Last (englisch: allostatic load). Das Konzept wird auch für ADHS diskutiert. Wie sich langes Maskieren und diese Dauerbelastung auf das Nervensystem auswirken, ist bisher wenig untersucht.

Wenn du dich hier wiedererkennst: Dein System war lange im Dauerbetrieb. Erholung braucht dann Zeit und darf Vorrang bekommen. Erste Ideen findest du weiter unten bei „Zum Ausprobieren“.

Falls es gerade akut ist: Bei einer psychischen Krise musst du nicht auf einen regulären Termin warten. Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Bei akuter Gefahr wähle 112. Jede größere Klinik hat eine psychiatrische Notaufnahme, die jederzeit zugänglich ist.

Was im Nervensystem passieren kann

Das autonome Nervensystem steuert, was du nicht bewusst lenkst, etwa Herzschlag, Atmung und die körperliche Stressreaktion. Ob es bei ADHS anders arbeitet, ist noch offen. Häufig beschrieben wird, dass viele Menschen mit ADHS Reize stärker wahrnehmen.

Wichtig zu wissen: Beim Stresshormon Cortisol sind die Befunde bei ADHS uneinheitlich. Manche Studien fanden niedrigere Werte, andere höhere, wieder andere einen flacheren oder zeitlich verschobenen Tagesverlauf. Dann ist der Unterschied zwischen morgens und abends kleiner oder der Höhepunkt kommt später. Vermutlich hängt das mit Subtypen, Begleitdiagnosen, Geschlecht und Stressgeschichte zusammen. Ein typisches Cortisol-Muster bei ADHS gibt es bisher nicht.
Studien im Detail

Die Messwerte sind uneinheitlich. Ob dein Nervensystem anders arbeitet, lässt sich daraus bisher nicht ableiten.

Eine hat 55 Studien zusammengefasst (Bellato et al., 2020). Gemessen wurde, wie stark das Nervensystem aktiviert ist. Bei Menschen mit ADHS lag die Aktivierung häufiger niedriger. Bei fast der Hälfte der Ergebnisse gab es aber keinen Unterschied.

Untersucht wurde auch die , also die Schwankung im Abstand zwischen zwei Herzschlägen. Sie gilt als Maß dafür, wie gut sich der Körper auf Belastung einstellen kann. In Ruhe fand eine keinen bedeutsamen Unterschied (Koenig et al., 2017). Nach einer Aufgabe zeigte eine andere einen kleinen Unterschied, die Studien waren dabei uneinheitlich (Robe et al., 2019).

Wenn Reize zu viel werden

Viele Menschen mit ADHS nehmen Reize wie Licht, Geräusche und Berührung stärker wahr. Das kann das Brummen des Kühlschranks sein, das Etikett im Pullover oder ein Großraumbüro.

4 von 10 Frauenberichteten in einer kleinen Studie mit 116 Erwachsenen mit ADHS über Über- oder Unterempfindlichkeit bei Sinnesreizen. Bei den Männern waren es rund 2 von 10 (Bijlenga, Kooij et al., European Psychiatry)

Diese Empfindlichkeit kann zusätzlich belasten und dazu beitragen, dass du schneller an deine Grenze kommst.

Das Toleranzfenster: wie viel Belastung gerade geht

Das Toleranzfenster beschreibt den Bereich, in dem du mit Anforderungen und Gefühlen gut umgehen kannst. Das Modell geht auf den Psychiater Dan Siegel zurück (1999). Es wird vor allem für die Folgen von Trauma beschrieben (Corrigan et al., 2011).

Im Fenster kannst du klar denken und Gefühle aushalten, ohne dass sie dich mitreißen. Außerhalb kippt die Aktivierung deines Nervensystems in zu viel oder zu wenig. Zu viel zeigt sich als Anspannung und überflutende Gefühle, zu wenig als Abschalten und Taubheit. Beide Richtungen stehen im zweiten Teil.

Als Bild: Das Fenster ist an manchen Tagen weit und an anderen eng. Dauerstress, viele Reize und zu wenig Schlaf machen es enger. Das sind die Punkte aus dem Kreislauf oben.

Zur Einordnung: Das Toleranzfenster ist ein Bild aus der Praxis. Als Modell ist es nicht empirisch geprüft. Ob das Fenster bei ADHS enger ist, ist bisher offen.
Zur Einordnung: Viele Texte im Netz erklären Stress mit der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Der Vagusnerv ist ein langer Nerv zwischen Gehirn und inneren Organen. Nach der Theorie versetzt er dich je nach Lage in einen von drei Zuständen: Sicherheit und Kontakt, Kampf oder Flucht, Erstarren. Grossman (2023) kommt zu dem Schluss, dass die biologischen Kernannahmen der Theorie nicht haltbar sind. Dieser Text braucht sie nicht.

Schlaf und Erholung

ADHS ist eng mit Schlafproblemen verbunden. Je nach Studie berichten 43 bis 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS von Schlaflosigkeit (Wynchank et al., 2017). Bei vielen ist außerdem der Schlaf-Wach-Rhythmus nach hinten verschoben.

Ein Übersichtsartikel (Luu & Fabiano, 2025, Perspektive) beschreibt dazu auch einen abgeflachten und verspäteten Cortisolverlauf. Halten Schlafprobleme lange an, lohnt sich eine ärztliche Abklärung, denn auch andere Ursachen wie Schlafapnoe kommen vor.

Wenig Schlaf und ein verschobener Rhythmus können Erschöpfung und Stress weiter erhöhen. Damit schließt sich der Kreislauf aus dem ersten Abschnitt.

Zum Ausprobieren

  • Reize runterfahren. Ruhiger Raum, Kopfhörer oder gedimmtes Licht.
  • Erholung fest einplanen, auch an Tagen, an denen du wenig geschafft hast.
  • Winzige Schritte. Zum Beispiel nur die Datei öffnen.

Mehr Ideen stehen im zweiten Teil.

Drei Fragen für dich

Die Fragen helfen dir, das Gelesene auf deinen Alltag zu übertragen. Nimm dir für jede ein bis zwei Minuten.

An welchem Tag der letzten Woche war dein Toleranzfenster eng, und was lag davor?

So kann das aussehen: Am Donnerstag reicht eine unbeantwortete Nachricht, um dich aus der Fassung zu bringen. Davor lagen zwei Nächte mit wenig Schlaf und ein Tag voller Termine.

Wo maskierst du am meisten, und wie fühlst du dich danach?

Zum Beispiel: Im Meeting wirkst du ruhig und aufmerksam, obwohl dich Licht und Gespräche anstrengen. Zu Hause brauchst du danach eine Stunde, in der dich niemand anspricht.

Was tut deinem Schlaf gerade gut und was stört ihn?

So kann das aussehen: Du liegst abends lange wach und bist morgens kaum zu wecken. Vielleicht fällt dir auf, was an solchen Abenden vorher los war.

Notiere dir deine Antworten. Sie sind ein guter Einstieg ins Orientierungsgespräch.

Wo die Grenze liegt

Coaching ersetzt weder Therapie noch Diagnostik. Fragen zu Schlafproblemen, Medikamenten und Diagnose klärst du mit deiner Ärzt:in.

Quellen ansehen

Eingeordnet auf Basis von:

Weiterlesen

Nächster Schritt

Lass uns schauen, was dein Alltag gerade braucht

Im Orientierungsgespräch schauen wir gemeinsam, was bei dir gerade ansteht. Es ist kostenlos, dauert ca. 30 Minuten und findet online statt.

Kostenlos kennenlernen