Forschung kompakt

Studien zu ADHS bei Frauen: kurz erklärt

Zu jeder Studie in Kürze: worum es geht, wie groß sie war und was speziell für Frauen dabei rauskam. Mit Link zur Originalquelle, falls du tiefer einsteigen willst.

So liest du diese Seite

Jede Studie dauert ein bis zweieinhalb Minuten. Unter „Was heißt das für dich?“ findest du, was du für deinen Alltag mitnehmen kannst. Ob die Stichprobe nur aus Frauen bestand, steht jeweils dabei. Aufgeklappt wird nur, was du anklickst. Die Themen sind so geordnet, dass Belastendes zuletzt kommt. Vor solchen Studien steht ein Hinweis, du kannst sie überspringen.

Diagnose & Häufigkeit

Warum wird ADHS bei Frauen so oft spät erkannt?

5 Studien · ca. 6 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge
Was heißt das für dich?

Wenn Fachleute im Gespräch gründlich nachfragen, zeigen Frauen ebenso starke Symptome. Fühlst du dich in der Diagnostik kleingeredet, kannst du nach einem strukturierten Interview fragen, etwa dem DIVA-5 (einem standardisierten Diagnosegespräch für Erwachsene).

Young et al., Psychological Medicine

2024 52 Studien, 18.408 Personen Metaanalyse
Frauen und Männer

Eine Metaanalyse fasst viele Studien rechnerisch zu einem Gesamtergebnis zusammen. Diese wertete 52 Studien mit 18.408 Menschen mit ADHS aus, 8.423 davon weiblich. Verglichen wurde, wie stark Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität bei Frauen und Männern ausgeprägt sind.

Im klinischen Interview unterschieden sich erwachsene Frauen und Männer mit ADHS nicht in der Stärke ihrer Kernsymptome. Das galt für beide Symptombereiche. Kleine Unterschiede zeigten sich nur in Fragebögen, dort gaben Männer etwas mehr Unaufmerksamkeit an. Bei Kindern fand sich im Interview ebenfalls kein Unterschied, in Fragebögen wirkten Jungen hyperaktiver.

Für Erwachsene lagen nur wenige Studien vor, neun davon mit klinischem Interview.

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Was heißt das für dich?

Viele Frauen gleichen jahrelang mit viel Kraft aus. Eine zweite Meinung bei einer anderen Fachperson einzuholen, ist dein gutes Recht.

Was hast du all die Jahre geleistet, um so gut zu funktionieren?

Listen, Wecker, Nachtschichten vor jeder Abgabe: Was du dir da aufgebaut hast, zeigt, wie erfinderisch du bist. Im Coaching schauen wir, welche dieser Strategien du behalten willst und welche dich zu viel Kraft kosten.

Witteveen & O'Hara, International Journal for the Advancement of Counselling

2026 30 Frauen, 22 bis 72 Jahre Australien
Nur Frauen

Forschende der University of Queensland führten ausführliche qualitative Interviews mit 30 Frauen im Alter von 22 bis 72 Jahren. Alle hatten ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter erhalten. Ein Muster zog sich durch die Gespräche. Mehreren Frauen hatte man ADHS abgesprochen, weil sie zu erfolgreich oder zu gebildet seien. Einer Frau wurde die Abklärung wegen ihres Alters verweigert.

Funktionieren-Können wurde von Fachpersonal offenbar wiederholt als Beweis gegen die Diagnose gewertet statt als mögliches Ergebnis jahrelanger Kompensation. Außerdem berichteten auffällig viele Teilnehmerinnen ungefragt von eigenen Traumaerfahrungen im Zusammenhang mit ihrer ADHS-Geschichte. Laut den Autor:innen ist dieser Zusammenhang bislang kaum systematisch erforscht. Die Studie liefert damit konkrete Sprache für ein Erlebnis, das viele Frauen aus eigener Erfahrung kennen, aber selten von Fachpersonal validiert bekommen. Das ist ein wichtiger Schritt, um Diagnostik-Barrieren überhaupt benennbar zu machen.

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Was heißt das für dich?

Wenn du gerade auf eine Abklärung wartest, hilft ein Notizbuch: Was fällt dir schwer, seit wann, in welchen Situationen? Solche Beispiele machen das Gespräch in der Diagnostik konkreter.

Was würdest du deinem jüngeren Ich heute über ihr ADHS erzählen?

Mit dem Wissen von heute bekommt manches, was früher als Faulheit oder Chaos galt, einen anderen Namen. Das kann helfen, freundlicher auf die eigene Geschichte zu schauen.

Mestres, Richarte, Crespín et al., European Psychiatry

2025 900 Erwachsene (~406 Frauen) Barcelona, Spanien
Frauen und Männer

Eine der aktuellsten Untersuchungen zum Thema, durchgeführt am Hospital Universitari Vall d'Hebron in Barcelona: 900 Erwachsene mit ADHS wurden nach Geschlecht verglichen. Frauen wurden im Schnitt mit 28,96 Jahren diagnostiziert, Männer schon mit 24,13 Jahren. Das sind fast fünf Jahre Unterschied, obwohl sich das Alter bei Symptombeginn nicht deutlich unterschied. Außerdem hatten Frauen bei der Diagnose höhere ADHS-Schweregrade, litten häufiger unter Depression und Angst und waren im Alltag stärker beeinträchtigt als Männer. Gleichzeitig konsumierten sie weniger Substanzen, was bei Männern oft eher zu ärztlicher Aufmerksamkeit führt. Insgesamt umfasste die Stichprobe 54,9 Prozent Männer und 45,1 Prozent Frauen, was eine direkte statistische Gegenüberstellung beider Gruppen ermöglichte.

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Was heißt das für dich?

Wenn deins schon in der Kindheit gelitten hat, kannst du das im Diagnosegespräch ruhig ansprechen. Am Selbstwert lässt sich arbeiten, auch viele Jahre später.

Woran würdest du merken, dass dein Selbstvertrauen ein kleines bisschen gewachsen ist?

Du kannst zum Beispiel in einem Meeting einmal deine Meinung sagen. Oder du lässt einen Fehler stehen, ohne dich den ganzen Abend dafür zu kritisieren.

Platania, Starreveld, Wynchank, Beekman & Kooij, Frontiers in Global Women's Health

2025 2.257 Patient:innen Niederlande

Frauen zeigten durchgehend stärkere Beeinträchtigungen des Selbstvertrauens als Männer, obwohl sich die ADHS-Symptome insgesamt sehr ähnlich zeigten.

Frauen und Männer

Ein niederländisches Forschungsteam wertete Daten der Parnassia Groep aus. Es analysierte die Antworten von 2.257 erwachsenen ADHS-Patient:innen (61 Prozent Frauen) im diagnostischen DIVA-5-Interview. Ziel war zu sehen, welche Beispielverhaltensweisen Männer und Frauen für dieselben Kriterien am häufigsten ankreuzen. Bei fast allen Symptomen mit einem Unterschied kreuzten Frauen häufiger an. Zum Beispiel kreuzten 80 Prozent der Frauen „verliert Dinge, die für Aufgaben nötig sind“ an, bei den Männern 71 Prozent. Bei „fühlt sich ruhelos“ waren es 88 Prozent der Frauen und 78,5 Prozent der Männer. Bei den Kindheitssymptomen kehrte sich das Bild um.

Am deutlichsten war der Unterschied beim Selbstvertrauen: Frauen berichteten im Erwachsenenalter und rückblickend für die Kindheit durchgehend stärkere Beeinträchtigungen als Männer. Die Autor:innen lesen das als möglichen Hinweis, dass ADHS-Symptome mit gesellschaftlichen Erwartungen an Weiblichkeit kollidieren. Der vorwiegend unaufmerksame Subtyp machte rund 31 Prozent der Gesamtstichprobe aus, mit nur geringen Unterschieden in der Subtyp-Verteilung zwischen den Geschlechtern. Alle gefundenen Unterschiede waren statistisch signifikant, aber klein, weshalb die Autor:innen die Studie selbst als explorativ und hypothesengenerierend einordnen.

Stichprobe war gemischt (39 Prozent Männer, 61 Prozent Frauen). Erfasst wurde nur das im Patientenregister eingetragene rechtliche Geschlecht, nicht-binäre Personen fehlen in der Auswertung.

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Was heißt das für dich?

Die Diagnose verändert den Blick auf die eigene Geschichte, und das braucht Zeit. Mehr dazu findest du auf der Seite „Diagnose, und jetzt?“

Was siehst du an dir heute anders als vor der Diagnose?

Vielleicht erklärst du dir vergessene Termine heute anders als früher und gehst etwas milder mit dir um. Solche Veränderungen lohnt es sich aufzuschreiben.

Attoe & Climie, Journal of Attention Disorders

2023 8 Studien (von 484 gesichtet) Kanada
Nur Frauen

Für diese Übersichtsarbeit suchte ein kanadisches Team nach Studien über Frauen, die ihre ADHS-Diagnose erst als Erwachsene bekamen. Von 484 Treffern erfüllten nur acht Studien die Kriterien.

Vier Themen zogen sich durch. Viele Frauen beschrieben Scham, einen geringen Selbstwert und heftige Gefühle. Beziehungen erlebten sie oft als schwierig, dazu kam das Gefühl, das eigene Leben nicht im Griff zu haben.

Über die Studien hinweg zeigte sich ein gemeinsames Thema: Nach der Diagnose wuchs bei vielen Frauen die Selbstakzeptanz. Der Titel der Arbeit, „Miss. Diagnosis“, spielt darauf an, wie oft ADHS bei Frauen übersehen wird.

Nur acht Studien, die meisten klein und qualitativ. Die Übersicht beschreibt Erfahrungen, keine Häufigkeiten.

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Stärken & Kreativität

Was bringt ADHS auch mit?

3 Studien · ca. 3 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge
Was heißt das für dich?

Schreib dir drei Situationen auf, in denen dir etwas leichtgefallen ist, und schau, welche Stärke darin steckt.

Wann hat dir zuletzt jemand gesagt: Das kannst du richtig gut?

Andere sehen unsere Stärken oft klarer als wir selbst. Frag ruhig zwei Menschen, die dich gut kennen, was sie an dir schätzen.

Hargitai, Laan, Schippers, Livingston, Fairchild, Shah & Hoogman, Psychological Medicine

2025 400 Erwachsene (200 mit ADHS) Großbritannien
Frauen und Männer

Ein britisch-niederländisches Team befragte 200 Erwachsene mit ADHS und 200 ohne ADHS online.

Abgefragt wurden 25 Stärken, die mit ADHS oft in Verbindung gebracht werden. Die ADHS-Gruppe schrieb sich zehn davon stärker zu, darunter Hyperfokus, Humor, Kreativität, Spontaneität und Intuition. Die Gruppe ohne ADHS lag nur bei Ausdauer vorn.

Wer die eigenen Stärken kannte und im Alltag nutzte, hatte mehr Wohlbefinden und eine höhere Lebensqualität, mit und ohne ADHS. Dieser Zusammenhang war in beiden Gruppen gleich stark. Insgesamt berichtete die ADHS-Gruppe allerdings weniger Wohlbefinden und mehr psychische Beschwerden.

Querschnittsstudie, die ADHS-Diagnose war selbst angegeben. Die Studie zeigt einen Zusammenhang und beweist nicht, dass das Nutzen von Stärken das Wohlbefinden verbessert. Nicht getrennt für Frauen ausgewertet.

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Was heißt das für dich?

Es lohnt sich, beide bewusst wahrzunehmen.

Was magst du an der Art, wie dein Kopf funktioniert?

Vielleicht denkst du schnell um die Ecke oder merkst, wie es anderen geht, bevor sie etwas sagen. Notier dir solche Momente, wenn sie dir auffallen.

Bradley, Parzych, Platts & Powell, Neurodiversity

2025 11 Frauen Großbritannien
Nur Frauen

Für diese Interviewstudie sprachen Forschende ausführlich mit elf Frauen mit ADHS. Ausgewertet wurde mit einer thematischen Analyse, die wiederkehrende Themen in den Gesprächen sucht. Vier Themen zeigten sich.

Die Frauen beschrieben positive Seiten ihrer ADHS, vor allem im Kontakt mit anderen Menschen und in ihrer Art zu denken. Die Diagnose veränderte bei mehreren Frauen das Selbstverständnis. Gleichzeitig berichteten sie von Hürden beim Zugang zu Hilfe, die mit ihrem Geschlecht zusammenhängen, und von abwertender Sprache rund um ADHS.

Kleine qualitative Interviewstudie. Sie zeigt Erfahrungen, keine Häufigkeiten.

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Was heißt das für dich?

Wenn es dich ungeplant aus Gesprächen oder Aufgaben zieht, ist es eher anstrengend. Probier aus, dir für kreative Fragen bewusst Zeit zum Abschweifen zu nehmen.

Han Fang et al., vorgestellt beim ECNP-Kongress, Oktober 2025

2025 750 Teilnehmende Nijmegen, Niederlande
Frauen und Männer

Ein Forschungsteam um Han Fang vom Radboud University Medical Centre in Nijmegen stellte beim ECNP-Kongress zwei unabhängige Teilstudien vor. Zusammen hatten sie 750 Teilnehmende: eine europäische und eine separate britische Stichprobe. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen Gedankenwandern und Kreativität bei unterschiedlich stark ausgeprägten ADHS-Symptomen. Das differenzierte Ergebnis: Bewusstes, absichtliches Gedankenwandern hing bei stärkeren ADHS-Symptomen mit höherer Kreativität zusammen, spontanes, unkontrolliertes Gedankenwandern dagegen eher mit alltäglichen Beeinträchtigungen. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil frühere Übersichtsarbeiten (Hoogman et al., 2020, 31 Studien) ein gemischtes Bild zeigten:

Erhöhtes divergentes Denken zeigte sich dort vor allem bei subklinischer ADHS-Ausprägung, nicht durchgängig bei klinisch diagnostiziertem ADHS. „Hyperfokus als Superkraft“ ist offenbar real, aber differenzierter, als populäre Darstellungen oft suggerieren. Entscheidend scheint zu sein, ob das Gedankenwandern bewusst gelenkt werden kann oder unkontrolliert auftritt, ein Unterschied, der sich möglicherweise gezielt trainieren lässt.

Nicht frauenspezifisch und bislang nur Kongressbeitrag, noch kein vollständiges Journal-Paper.

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Alltagsstrategien

Was kann ich im Alltag ausprobieren?

5 Studien · ca. 6 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge
Was heißt das für dich?

Du musst dir das nicht abtrainieren. Probier aus, welche Bewegung zu dir passt, etwa Herumlaufen beim Telefonieren oder ein Stehtisch. Ob solche Hilfsmittel wirken, hat die Studie selbst nicht getestet.

Son, Calub, Fan et al., Frontiers in Psychiatry

2024 70 Erwachsene, 18 bis 50 Jahre Kalifornien, USA

Erwachsene mit ADHS zappelten ausgerechnet in den Aufgaben-Durchgängen am meisten, die sie richtig lösten.

Frauen und Männer

Ein Forschungsteam der University of California, Davis, ließ 70 Erwachsene mit ADHS eine computerbasierte Aufmerksamkeitsaufgabe lösen, während Beschleunigungssensoren ihre Körperbewegungen aufzeichneten. Die Teilnehmenden zappelten in den Durchgängen, die sie richtig lösten, deutlich mehr als in den falsch gelösten. Je länger die Aufgabe dauerte, desto mehr zappelten sie. Wer besonders gleichmäßige Reaktionszeiten zeigte, ein Hinweis auf gute Selbstregulation, zappelte dabei besonders viel in der zweiten Aufgabenhälfte.

Das passt zu einer Studie von Sarver und Kolleg:innen aus dem Jahr 2015. Kinder mit ADHS bewegten sich dort bei schwierigen Gedächtnisaufgaben mehr und mehr Bewegung ging mit besseren Leistungen einher. Forschende vermuten, dass Zappeln bei anstrengenden Aufgaben hilft, wach zu bleiben. Ob Stehpulte oder Wackelkissen beim Fokussieren helfen, hat die Studie nicht getestet.

Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Was für die Studienaufgabe galt, lässt sich nicht automatisch eins zu eins auf jede Alltagssituation übertragen.

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Was heißt das für dich?

Der Effekt war klein und untersucht wurden Kinder und junge Erwachsene. Ausprobieren kostet wenig: Arbeite ein paar Tage mit und ein paar Tage ohne Rauschen und vergleiche, wann du mehr schaffst.

Nigg, Bruton, Kozlowski, Johnstone & Karalunas, Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry

2024 13 Studien, 335 Personen Oregon, USA

Weißes und rosa Rauschen verbesserten die Aufgabenleistung bei ADHS leicht, bei Menschen ohne ADHS zeigte sich in denselben Studien der gegenteilige Effekt.

Frauen und Männer

Ein Forschungsteam um Joel Nigg von der Oregon Health & Science University wertete für diese Metaanalyse 13 kontrollierte Studien aus. Insgesamt waren 335 Kinder und junge Erwachsene mit ADHS oder deutlich erhöhten ADHS-Symptomen beteiligt. Über alle Studien hinweg zeigte sich ein kleiner, aber statistisch bedeutsamer positiver Effekt von weißem und rosa Rauschen auf die Aufgabenleistung. Als Erklärung vermuten Forschende das Moderate-Brain-Arousal-Modell:

Bei ADHS ist das Gehirn demnach eher unterreizt und leichtes Rauschen könnte über einen Effekt namens stochastische Resonanz die Signalübertragung verbessern. Gesichert ist dieses Modell bisher nicht. Wichtig ist eine Einschränkung aus der Studie selbst. Bei Menschen ohne ADHS zeigte sich in denselben Studien der gegenteilige Effekt: Ihre Leistung wurde durch das Rauschen schlechter. Untersucht wurden nur weißes und rosa Rauschen. Ob Café-Geräusche oder Regen-Sounds ähnlich wirken, ist offen.

Der Effekt war klein und die meisten eingeschlossenen Studien untersuchten Kinder und junge Erwachsene, nicht speziell erwachsene Frauen. Zur optimalen Lautstärke gibt es noch keine gesicherten Angaben.

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Was heißt das für dich?

Nimm dir eine Aufgabe, die du gerade aufschiebst. Formuliere dafür einen einzigen Satz, etwa: „Wenn ich mir morgens den Kaffee hole, dann öffne ich danach die Steuer-Datei.“ Mehr braucht es für den Anfang nicht.

Gawrilow & Gollwitzer, Cognitive Therapy and Research

2008 Kinder mit ADHS, zwei Experimente Deutschland

Kinder mit ADHS, die einen konkreten Wenn-Dann-Plan formulierten, erreichten bei einer Impulskontroll-Aufgabe das Leistungsniveau von Kindern ohne ADHS.

Frauen und Männer

Die Psychologin Caterina Gawrilow und der Motivationsforscher Peter Gollwitzer untersuchten in mehreren Experimenten sogenannte Durchführungsabsichten, umgangssprachlich Wenn-Dann-Pläne. Die Frage war, ob sie Kindern mit ADHS helfen, ihr Verhalten besser zu steuern. Die Kinder ersetzten einen allgemeinen Vorsatz wie „ich lasse mich nicht ablenken“ durch einen konkreten Plan: „Wenn X passiert, dann tue ich Y“. Bei einer Aufgabe zur Reaktionshemmung erreichten Kinder mit ADHS, die einen solchen Plan formulierten, das Leistungsniveau von Kindern ohne ADHS. Eine Folgestudie mit EEG-Messung fand außerdem eine veränderte Gehirnwellenaktivität (die sogenannte P300-Komponente) unter der Wenn-Dann-Bedingung. Das deutet darauf hin, dass sich auch die Verarbeitung im Gehirn veränderte.

Auch mit Erwachsenen wird die Technik genutzt, gerade gegen Prokrastination. Aus einem vagen Vorsatz wie „ich fange heute an“ wird dann ein konkreter Plan. Zum Beispiel: „Wenn ich um 9 Uhr am Schreibtisch sitze, dann öffne ich als Erstes nur die eine Datei.“

Diese konkreten Studien wurden mit Kindern durchgeführt. Direkte Wirksamkeitsstudien zu Wenn-Dann-Plänen bei Erwachsenen mit ADHS fehlen bislang, auch wenn die Technik in etablierten Therapieprotokollen für Erwachsene längst genutzt wird.

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Was heißt das für dich?

Body Doubling heißt: Eine andere Person ist beim Arbeiten mit dabei, im Raum oder per Video. Wissenschaftlich ist das noch wenig belegt. Ausprobieren kostet nichts, etwa mit einer Freundin im Videocall.

Eagle, Baltaxe-Admony & Ringland, ACM Transactions on Accessible Computing

2024/2025 220 Befragte + 12 im Laborversuch USA

186 von 220 Befragten gaben an, eine Aufgabe eher oder etwas eher fertigzustellen, wenn jemand anderes anwesend ist.

Frauen und Männer

Body Doubling, die Anwesenheit einer anderen Person beim Arbeiten, ist in ADHS-Communitys seit Jahrzehnten bekannt, wissenschaftlich aber lange gar nicht untersucht worden. Das änderte sich 2024: Ein Forschungsteam um Tessa Eagle befragte 220 überwiegend neurodivergente Menschen (56 Prozent Frauen) zu ihren Erfahrungen. 186 von ihnen gaben an, eine Aufgabe eher oder etwas eher fertigzustellen, wenn jemand anderes anwesend ist. Das konnte eine Person im selben Raum sein, per Videocall oder sogar eine fremde Person.

Das ist Selbstauskunft, keine gemessene Leistung. 2025 ging ein Team um Zinat Ara einen ersten Schritt in diese Richtung. 12 Personen mit ADHS lösten eine virtuelle Aufgabe allein, mit einer echten Person im selben Raum oder mit einem digital erzeugten Double. Beide Formen der Begleitung führten zu schnellerer Aufgabenerledigung und zu besser eingeschätzter eigener Aufmerksamkeit als das Arbeiten allein.

Die Ara-Studie ist bislang nur als Preprint verfügbar, also noch nicht von unabhängigen Fachkolleg:innen begutachtet und mit 12 Teilnehmenden sehr klein. Für eine verlässliche Wirksamkeitsaussage braucht es größere, begutachtete Studien.

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Was heißt das für dich?

Anspruchsvolle Aufgaben legst du dann auf Tage, an denen du meist mehr Energie hast. Vor der Periode planst du mehr Puffer ein. Getestet ist das Programm noch nicht. Die Idee kannst du aber schon jetzt für dich ausprobieren.

de Jong, Wynchank, Michielsen et al., Journal of Clinical Medicine

2024 18 Frauen, ausgewertet 6 Den Haag, Niederlande

Nach dem Erkennen ihres eigenen Zyklusmusters passten Teilnehmerinnen ihre Wochenplanung an und beschrieben ihren Alltag danach als weniger belastend.

Nur Frauen

Ein Team um Maxime de Jong am ADHS-Fachzentrum PsyQ in Den Haag entwickelte ein siebenteiliges Gruppenprogramm für Frauen mit ADHS. Es richtete sich an Frauen, die eine prämenstruelle Verschlechterung ihrer Symptome bemerkt hatten. Kernstück war ein durchgehend geführter Zykluskalender mit einem konkreten Planungsraster. Anspruchsvolle oder ungeliebte Aufgaben kamen in die follikuläre Phase mit typischerweise mehr Energie und Fokus. In der Phase um den Eisprung galt: auf erhöhte Risikobereitschaft achten, anregende Aufgaben einplanen und riskante Situationen meiden. In der prämenstruellen Phase waren mehr Verschnaufpausen, einfache Aufgaben und weniger soziale Verpflichtungen vorgesehen.

In der abschließenden Gruppenauswertung berichteten die Teilnehmerinnen, dass sie ihren Zyklus seither ernster nehmen. Sie gaben sich in der prämenstruellen Phase mehr Raum und wurden insgesamt seltener von den eigenen Schwankungen überrumpelt.

Qualitative Auswertung eines einzelnen Gruppendurchlaufs (die letzte von drei Gruppen, 6 Frauen) ohne Kontrollgruppe und ohne standardisierte Vorher-Nachher-Messung. Zeigt, wie ein solches Programm aussehen kann, belegt aber noch keine Wirksamkeit im strengen Sinn.

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Beruf & Neuorientierung

Welcher Job passt zu mir?

3 Studien · ca. 4 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge
Was heißt das für dich?

Oft helfen kleine Anpassungen, etwa schriftliche Absprachen oder flexible Pausen. Mehr dazu findest du auf der Seite Beruf und ADHS.

In welchem Job oder Projekt hast du dich bisher am wohlsten gefühlt und was war dort anders?

Die Antwort zeigt dir, welche Bedingungen du brauchst. Mit dieser Antwort gehst du konkreter in ein Gespräch mit deiner Führungskraft oder in die nächste Bewerbung.

Hotte-Meunier et al., Neurodiversity

2024 79 Studien, 68.275 Personen 22 Länder
Frauen und Männer

Diese systematische Übersichtsarbeit wertet 79 Einzelstudien mit insgesamt 68.275 Menschen mit ADHS aus 22 Ländern aus. Das Forschungsteam ordnete die Literatur in vier Kategorien: typische Herausforderungen am Arbeitsplatz, besondere Stärken, sinnvolle Anpassungen durch Arbeitgeber:innen und Geschlechterunterschiede im Beruf. Der letzte Punkt fehlte in bisheriger Forschung oft. Ein wiederkehrender Befund: Geringere Arbeitszufriedenheit bei ADHS ließ sich zum Teil durch eine schlechte Passung zwischen Person und Arbeitsumfeld erklären. In der Psychologie heißt das Person-Environment-Fit. Sie liefert damit eine fundierte Grundlage für alles, was unter dem Stichwort Berufscoaching bei ADHS diskutiert wird.

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Was heißt das für dich?

Höhere kognitive Fähigkeiten änderten an der niedrigen Rate nichts. Wenn du über Selbstständigkeit nachdenkst, lohnt es sich, diese Hürden konkret anzuschauen, zum Beispiel Startkapital und Netzwerk.

Welche Frau, die etwas Eigenes aufgebaut hat, kennst du?

Vorbilder machen Möglichkeiten sichtbar. Frag sie, wie sie angefangen hat und was ihr dabei geholfen hat. Auch Gründerinnen-Netzwerke und Beratungsstellen für Gründerinnen sind ein guter Startpunkt.

Tran, Yu, Wiklund & Stephan, Applied Psychology

2026 4.128 Personen, 28 Jahre Verlauf USA

Frauen mit ADHS erreichten die niedrigste Gründungsrate aller untersuchten Gruppen, unabhängig von ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit.

Frauen und Männer

Ein Forschungsteam um das Rensselaer Polytechnic Institute und die King's Business School nutzte Längsschnittdaten aus einer bekannten US-Studie. Sie begleitet 4.128 Personen über 28 Jahre. ADHS wurde im Kindesalter anhand mütterlicher Angaben erfasst, kognitive Fähigkeit über standardisierte Tests und Selbstständigkeit als Haupterwerbstätigkeit ab dem 25. Lebensjahr. Über alle Personen hinweg zeigte sich im Durchschnitt zunächst kein Effekt von ADHS auf die Gründungswahrscheinlichkeit. Dahinter verbargen sich aber zwei gegensätzliche Muster:

Hochintelligente Männer mit ADHS gründeten deutlich häufiger ein eigenes Unternehmen. Ihre vorhergesagte Rate lag bei rund 15 Prozent, im Durchschnitt aller Erwerbstätigen bei rund 5,7 Prozent. Mit jeder Stufe höherer Intelligenz stieg die Wahrscheinlichkeit bei ihnen weiter an. Frauen mit ADHS erreichten dagegen die mit Abstand niedrigste vorhergesagte Gründungsrate aller untersuchten Gruppen (rund 1 Prozent). Daran änderte auch eine höhere kognitive Leistungsfähigkeit nichts. Die Autor:innen deuten das als Hinweis auf soziale und strukturelle Zugangsbarrieren, nicht auf einen Unterschied in der Fähigkeit selbst.

Beobachtungsdaten ohne Kausalitätsnachweis. Die ADHS-Einstufungen stammen aus den 1980er- und 1990er-Jahren, als Mädchen deutlich seltener diagnostiziert wurden. Das könnte die untersuchte Gruppe der Frauen mit ADHS verzerren. Untersucht wurde nur der Einstieg in die Selbstständigkeit, nicht deren späterer Erfolg.

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Was heißt das für dich?

Bei der Berufswahl hilft deshalb die Frage, wie gut ein konkreter Arbeitsplatz zu dir passt und welche Unterstützung es dort gibt.

Welche Unterstützung würde dir im Job am meisten helfen?

Das kann ein ruhiger Arbeitsplatz sein, klare schriftliche Aufgaben oder eine Kollegin, die du kurz fragen kannst. Wenn du das benennen kannst, fällt das Gespräch mit deiner Führungskraft leichter.

Gémes, Björkenstam, Rahman et al., International Journal of Environmental Research and Public Health

2022 (14. Juni) 6.030 mit ADHS + 60.300 Vergleichspersonen Schweden
Frauen und Männer

Diese schwedische Registerstudie verglich 6.030 junge Berufstätige mit ADHS-Erstdiagnose mit 60.300 Vergleichspersonen ohne ADHS. Auf jede Person mit ADHS kamen zehn Vergleichspersonen, abgeglichen nach Alter und weiteren Merkmalen. Methodisch ist das robust. Alle Teilnehmenden waren zwischen 19 und 29 Jahre alt und wurden über fünf Jahre hinweg in unterschiedlichen Branchen begleitet. In jeder einzelnen Branche war das Risiko für Arbeitsmarkt-Probleme (Krankschreibung, Arbeitslosigkeit, Frühberentung) bei ADHS erhöht, aber nicht überall gleich stark. Am niedrigsten war das zusätzliche Risiko im Bildungs- und Forschungsbereich (Faktor 1,3), am höchsten in Handel/Kommunikation und Finanz-/Unternehmensdienstleistungen (jeweils Faktor 1,6).

Die Unterschiede zwischen den Branchen waren klein, die Autor:innen sehen keine wesentlichen Unterschiede. Auch in den risikoärmeren Branchen blieb das Risiko gegenüber Menschen ohne ADHS erhöht. Die Branche allein erklärt also wenig, das Umfeld im einzelnen Job ist wichtiger.

Nicht nach Geschlecht ausgewertet: Männer und Frauen wurden gemeinsam betrachtet.

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Gefühle & Selbstregulation

Warum fühle ich so stark?

2 Studien · ca. 2 Min.

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EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge
Was heißt das für dich?

Die Studien zeigen auch, welche Strategie seltener genutzt wird: eine Situation bewusst neu einzuordnen. Das lässt sich üben, zum Beispiel mit der Frage „Wie könnte ich das noch sehen?“

Soler-Gutiérrez, Pérez-González & Mayas, PLOS ONE

2023 22 Einzelstudien (Review) Madrid, Spanien
Frauen und Männer

Ein Forschungsteam der spanischen Fernuniversität UNED wertete für diese Übersichtsarbeit 22 Einzelstudien zu emotionaler Dysregulation bei Erwachsenen mit ADHS aus. Der Befund war auffallend konsistent: Erwachsene mit ADHS zeigen durchgängig stärkere emotionale Dysregulation als Vergleichsgruppen, mit mittleren bis großen Effektstärken. Betroffene griffen außerdem signifikant häufiger zu wenig hilfreichen Strategien, etwa dem Unterdrücken von Gefühlen. In bildgebenden Verfahren zeigten sie eine abweichende Aktivierung in Hirnregionen, die Emotionen verarbeiten.

Die Autor:innen plädieren dafür, emotionale Dysregulation als vierten Kernbereich von ADHS anzuerkennen, neben Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Das hat Folgen für die klinische Praxis. Wer ADHS nur anhand von Aufmerksamkeit und Hyperaktivität beurteilt, übersieht womöglich einen zentralen Teil dessen, was Betroffene am meisten belastet.

Nicht frauenspezifisch: internationales Literatur-Review.

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Was heißt das für dich?

Wenn er unter Stress voll ist, bleibt wenig Platz, um ein Gefühl einzuordnen. Hilfreich ist alles, was ihn entlastet. Das kann ein Satz für schwierige Momente sein, den du dir aufschreibst. Auch eine kurze Pause vor dem Reagieren kann helfen.

Slobodin, Har Sinay & Zohar, PLOS ONE

2025 176 Frauen, 20 bis 30 Jahre Israel

Schwierigkeiten im Arbeitsgedächtnis und in der kognitiven Flexibilität erklärten einen Teil des Zusammenhangs zwischen ADHS-Symptomen und emotionaler Dysregulation bei Frauen.

Nur Frauen

Forscherinnen der Ben-Gurion-Universität und des Ruppin Academic Center befragten 176 Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, 82 davon mit bekannter ADHS-Diagnose. Es ging um ADHS-Symptome, exekutive Funktionsdefizite, emotionale Dysregulation, Alexithymie und Affekt. Frauen mit ADHS griffen häufiger zu wenig hilfreichen Strategien der Emotionsregulation und berichteten mehr negativen Affekt. Sie hatten auch mehr Alexithymie, also Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu erkennen und zu benennen, als Frauen ohne ADHS.

Schwierigkeiten im Arbeitsgedächtnis und in der kognitiven Flexibilität (Task Shifting) vermittelten dabei einen Teil des Zusammenhangs zwischen ADHS-Symptomatik und emotionaler Dysregulation. Damit liefert die Studie eine mögliche Erklärung, warum Gefühle bei ADHS schneller hochschaukeln. Wenn Arbeitsgedächtnis und Umschaltfähigkeit schwächer ausgeprägt sind, fällt es schwerer, einen Gedanken festzuhalten wie „ich bin gerade getriggert, das bedeutet aber nicht X“. Die Autorinnen plädieren dafür, emotionale Dysregulation bei Frauen als Kernmerkmal von ADHS zu behandeln, nicht als Randerscheinung.

Querschnittsstudie mit Selbstauskunftsfragebögen, Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht sicher ableiten.

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Zyklus & Hormone

Wie verändert sich ADHS mit Zyklus und Wechseljahren?

6 Studien · ca. 8 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge
Was heißt das für dich?

Greifen deine bewährten Strategien plötzlich weniger, lohnt sich ein Blick auf deine aktuelle Lebensphase. Dann ist es sinnvoll, die Strategien an diese Phase anzupassen.

Krebs & Donnellan-Fernandez, BMC Women's Health

2025 10 Studien + 1 Leitlinie Australien
Nur Frauen

Diese aktuelle Übersichtsarbeit von Forscherinnen der University of Southern Queensland und der Griffith University fasst zehn Einzelstudien und eine klinische Leitlinie zusammen. Sie erschienen zwischen Januar 2023 und April 2025. Die Autorinnen gliedern die Forschung zu ADHS bei Frauen in fünf Bereiche: Kindheit/Jugend, Erwachsenenalter, Schwangerschaft/Wochenbett, Wechseljahre und Behandlung über die Lebensspanne.

Die zentrale, wiederkehrende Erkenntnis über alle Phasen hinweg: Hormonelle Umbruchphasen können ADHS-Symptome verstärken, besonders in Pubertät, Wochenbett und Wechseljahren. Die Arbeit macht damit deutlich, dass sich ADHS bei Frauen im Lauf des Lebens in Wellen verändert. Die Übersichtsarbeit liefert eine seltene Gesamtschau und versteht die einzelnen Lebensphasen als zusammenhängenden Verlauf.

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Was heißt das für dich?

Das passt zu dem, was diese Studien beschreiben. Die Forschung dazu ist noch dünn. Ein kurzes Zyklustagebuch zeigt dir trotzdem nach zwei, drei Monaten, ob es bei dir ein Muster gibt.

Osianlis, Thomas, Jenkins & Gurvich, Journal of Attention Disorders

2025 11 Studien (Review) Melbourne, Australien

Die Symptome verändern sich messbar mit dem Hormonspiegel, am deutlichsten in der Pubertät und über den Menstruationszyklus hinweg.

Nur Frauen

Ein Forschungsteam des HER Centre Australia an der Monash University durchsuchte drei große Datenbanken. Gesucht waren alle Studien seit 1980 zu ADHS-Symptomen bei Frauen und weiblichen Sexualhormonen. Elf Studien erfüllten die Einschlusskriterien und wurden zusammengefasst. Über den Menstruationszyklus hinweg zeigte sich ein wiederkehrendes Muster. In der frühen Lutealphase nahmen Impulsivität und Hyperaktivität zu. In der mittleren Lutealphase verstärkten sich emotionale Dysregulation und exekutive Probleme. In der späten Lutealphase, wenn der Östrogenspiegel sinkt, verschlechterten sich Unaufmerksamkeit und Stimmung.

Insgesamt sprach die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen und Sexualhormonen bei Frauen, am deutlichsten in Pubertät und Menstruationszyklus. Zur Schwangerschaft lag nur eine einzige, kleine Studie vor: In dieser Studie mit 25 Frauen unterschieden sich die ADHS-Symptome insgesamt nicht. Frauen, die ihre Medikamente weiter nahmen, hatten im Verlauf aber weniger Hyperaktivität und eine stabilere Stimmung. Die Autor:innen betonen, dass ihre eigene Übersichtsarbeit vor allem eines zeigt: wie wenig zu diesem Thema bislang überhaupt untersucht wurde.

Nur elf Studien insgesamt, oft mit kleinen und sehr unterschiedlichen Stichproben. Zu den Wechseljahren fand sich zum Zeitpunkt der Recherche noch gar keine passende Studie.

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Was heißt das für dich?

Für Frauen mit ADHS gibt es Hinweise auf ein höheres Depressionsrisiko unter der Pille. Spirale oder Implantat haben einen praktischen Vorteil: Du musst nicht täglich daran denken.

Wer in deinem Umfeld würde merken, wenn deine Stimmung über Wochen nach unten geht?

Nahe Menschen sehen so eine Veränderung oft früher als wir selbst. Eine Absprache vorab hilft, zum Beispiel: „Sag mir, wenn ich mich sehr zurückziehe.“ Bei einer akuten Krise erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Kooij, de Jong, Agnew-Blais et al., Frontiers in Global Women's Health. Zur Pille: Lundin et al. (2023), Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry

2025 Übersichtsarbeit Europaweites Netzwerk

Frauen mit ADHS berichteten fast doppelt so häufig prämenstruelle Depressionssymptome und dreimal so häufig eine postpartale Depression wie Frauen in der Allgemeinbevölkerung.

Nur Frauen

Im Oktober 2024 gründete sich beim europäischen Forschungsnetzwerk Eunethydis eine eigene Arbeitsgruppe zu ADHS bei Frauen, 42 Forscher:innen aus ganz Europa. Ihr erstes gemeinsames Papier bündelt den aktuellen Forschungsstand zu Hormonen, Pubertät, Verhütung, Schwangerschaft und Wechseljahren und benennt gezielt die Lücken. Eine der Einzelstudien befragte 209 Frauen mit klinisch diagnostizierter ADHS. Sie hatten deutlich häufiger prämenstruelle Depressionssymptome als die Allgemeinbevölkerung (45 Prozent gegenüber 28 Prozent) und dreimal so oft eine postpartale Depression (58 Prozent gegenüber 19 Prozent).

In einer schwedischen Registerstudie hatten Frauen mit ADHS, die die kombinierte Pille nutzten, ein etwa fünffach höheres Depressionsrisiko als Frauen ohne ADHS ohne kombinierte Pille. Bei Implantat oder Hormonspirale zeigte sich das nicht. Langwirksame Verhütungsmethoden wie Hormonspirale oder Implantat behielten junge Frauen mit ADHS deutlich zuverlässiger bei als kurzwirksame wie die Pille. Nach zwei Jahren waren es 74 Prozent gegenüber 15 Prozent. In einer weiteren zitierten Studie hatten 35 Prozent der Patientinnen einer kardiologischen Sprechstunde in der Perimenopause lebenslange ADHS-Symptome. Sie waren im Schnitt zwei Jahre jünger als die übrigen Patientinnen dort.

Positionspapier, das bestehende Forschung bündelt und Lücken benennt, keine neue Einzelstudie. Fasst auch ältere und kleinere Studien mit zusammen, etwa die Befragung mit 209 Frauen. Die Angaben zur Pille stammen aus der schwedischen Registerstudie von Lundin et al. (2023) mit Frauen zwischen 15 und 24 Jahren.

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Was heißt das für dich?

PMDS, starke Regelschmerzen und ADHS treten offenbar öfter gemeinsam auf. Wenn du mehreres davon kennst, sprich alles zusammen an, bei Gynäkolog:innen und Psychiater:innen. Regelschmerzen können übrigens auch ohne ADHS die Konzentration senken.

Kennedy, Baran-Goldwax & Lippé, Women's Health

2026 20 Studien (von 691 gescreent) Montreal, Kanada

Verschlechterungen der ADHS-Symptome traten wiederholt in bestimmten Zyklusphasen auf, vor allem in der zweiten Zyklushälfte und rund um die Menstruation.

Nur Frauen

Ein Forschungsteam der Universität Montreal durchsuchte drei Datenbanken nach Veröffentlichungen zu Zyklusmerkmalen und ADHS-Symptomen. Von 691 Treffern blieben nach mehreren Sichtungsrunden 20 Studien, mit Teilnehmerinnen zwischen 13 und 49 Jahren. Sechs wiederkehrende Muster zeigten sich. ADHS-Symptome traten häufiger zusammen mit anderen Zyklusstörungen wie PMDS oder PCOS auf. Schmerzhafte oder starke Blutungen gingen mit stärkeren ADHS-Symptomen einher. Die Symptome schwankten über den Zyklus. Ein Methylphenidat-Präparat wurde in drei Fallberichten mit Zyklusveränderungen als Nebenwirkung in Verbindung gebracht. Regelschmerzen beeinträchtigten die Aufmerksamkeit auch unabhängig von ADHS. Und erste zyklusangepasste Behandlungsansätze wurden erprobt.

In einer der eingeschlossenen Studien hatten 27,6 Prozent der Frauen mit PMDS zusätzlich eine ADHS-Diagnose, deutlich mehr als in der Vergleichsgruppe. Das auffälligste Symptom war durchgängig Unaufmerksamkeit. Die Autorinnen sehen darin ein noch junges, aber wachsendes Forschungsfeld.

Reine Bestandsaufnahme der vorhandenen Forschung ohne Bewertung von Ursache und Wirkung. Nur 2 der 20 Studien erfassten die Geschlechtsidentität der Teilnehmerinnen gesondert.

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Was heißt das für dich?

Die Perimenopause ist die Phase vor der letzten Periode, in der die Hormone stark schwanken. Beim nächsten Arzttermin kannst du gezielt fragen, ob deine Beschwerden dazu passen.

Was hat dir in früheren unruhigen Phasen geholfen, wieder in deinen Rhythmus zu finden?

Das können mehr Schlaf, ein leerer Kalender am Wochenende oder eine Freundin gewesen sein, mit der du offen reden konntest. Was damals geholfen hat, kannst du oft anpassen und wieder nutzen.

Jakobsdóttir Smári et al., European Psychiatry (SAGA-Kohorte)

2025 5.392 Frauen (535 mit ADHS) Island
Nur Frauen

Die isländische SAGA-Kohortenstudie befragte über 5.000 Frauen zwischen 35 und 55 Jahren zu ihren Wechseljahresbeschwerden: 535 von ihnen mit ADHS-Diagnose, 4.857 ohne. 54,2 Prozent der Frauen mit ADHS berichteten von schweren perimenopausalen Symptomen, gegenüber 30,1 Prozent der Frauen ohne ADHS. Besonders deutlich zeigte sich der Effekt zwischen 35 und 39 Jahren, früher, als Wechseljahresbeschwerden im Durchschnitt erwartet werden.

Die Forscher:innen interpretieren das als Hinweis darauf, dass hormonelle Übergangsphasen bei ADHS möglicherweise früher beginnen oder intensiver wahrgenommen werden. Praktisch relevant: Viele Frauen erleben in dieser Lebensphase eine Verschlechterung ihrer ADHS-Symptome, ohne den hormonellen Zusammenhang zu kennen. Ärzt:innen schreiben die Beschwerden mitunter eher den Wechseljahren als der ADHS zu, oder umgekehrt. Wer beide Zusammenhänge kennt, kann gezielter nach passender Unterstützung suchen, statt die Verschlechterung als unerklärlichen Einbruch hinzunehmen.

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Was heißt das für dich?

Dafür führst du über mindestens zwei Zyklen ein tägliches Symptomtagebuch, eine App oder ein Zettel reichen. Mit diesen Aufzeichnungen kann deine Ärzt:in viel mehr anfangen als mit einem Rückblick.

Was brauchst du in diesen Tagen, damit sie leichter werden?

Zum Beispiel weniger Termine oder eine Absprache zu Hause, wer in dieser Woche was übernimmt. Wenn du die Tage kommen siehst, kannst du sie schon vorher entlasten.

Broughton, Lambert, Wertz & Agnew-Blais, British Journal of Psychiatry

2025 715 Frauen, 18 bis 34 Jahre Großbritannien
Nur Frauen

Ein britisches Forschungsteam befragte 715 Frauen zwischen 18 und 34 Jahren online. 102 von ihnen hatten nach eigener Angabe eine ADHS-Diagnose. Bei weiteren Teilnehmerinnen sprachen die Werte im ADHS-Selbsttest ASRS für ADHS.

PMDS wurde mit einem Screening-Fragebogen erfasst. PMDS heißt prämenstruelle dysphorische Störung, eine schwere Form von PMS mit starken Stimmungstiefs vor der Periode. 31,4 Prozent der Frauen mit ADHS-Diagnose erfüllten im Screening die Kriterien für eine vorläufige PMDS, gegenüber 9,8 Prozent der Frauen ohne ADHS.

In der Gruppe mit auffälligen Werten im ADHS-Selbsttest waren es 41,1 Prozent. Am höchsten lag das Risiko bei Frauen, die zusätzlich eine Depression oder Angststörung hatten. Es war rund viereinhalbmal so hoch wie in der Gruppe ohne ADHS.

Querschnittsstudie mit Online-Fragebögen, die ADHS-Diagnose war selbst angegeben. Das Screening zeigt eine vorläufige PMDS. Für eine sichere Diagnose braucht es ein tägliches Symptomtagebuch über mindestens zwei Zyklen.

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Medikamente

Wirken Medikamente bei Frauen anders?

5 Studien · ca. 6 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge

Über Medikamente entscheidest du gemeinsam mit deiner Ärzt:in. Coaching ersetzt keine ärztliche Beratung und hier stehen keine Dosierungen.

Was heißt das für dich?

Wenn dir ein Medikament nicht gut bekommt, ist das ein Thema für deine Ärzt:in. Notiere dir vor dem Termin Wirkung, Nebenwirkungen und den Zyklustag. Das macht das Gespräch konkreter.

Kok, Groen, Fuermaier & Tucha, PLOS ONE

2020 21 Studien (von 2.672 gescreenten) Groningen, Niederlande
Frauen und Männer

Ein Forschungsteam der Universität Groningen sichtete für diese Übersichtsarbeit 2.672 Studien zu ADHS-Medikamenten und schloss 21 davon ein. Davon betrafen 7 Studien Verschreibungsraten und 14 Wirksamkeit und Verträglichkeit. In allen 7 Studien zu Verschreibungsraten erhielten Mädchen signifikant weniger ADHS-Medikamente als Jungen. Bei Erwachsenen zeigte sich dieser Unterschied bis auf eine Studie nicht mehr. Noch bemerkenswerter: ausnahmslos jede der 14 Studien zur Wirksamkeit fand mindestens einen geschlechtsspezifischen Unterschied in der Medikamentenwirkung, etwa bei Wirkung oder Dosis. Die klare Schlussfolgerung: deutlich zu wenig geschlechtsspezifische Forschung zur Pharmakotherapie bei ADHS, ein Thema für das Gespräch mit der eigenen Ärzt:in.

Dieser Überblick ersetzt keine ärztliche Beratung zu Dosierung oder Wirkung. Bei Fragen zu deiner eigenen Medikation sprich mit deiner Ärzt:in.

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Was heißt das für dich?

Wenn die Wirkung bei dir schwankt, nimm das ernst. Ein kurzes Wirkungstagebuch über einige Wochen hilft dir und deiner Ärzt:in, Muster zu erkennen.

Müller & Fender, Naunyn-Schmiedeberg's Archives of Pharmacology

2025/2026 Übersichtsarbeit Essen, Deutschland

Ein möglicher Grund, warum Frauen und Männer unterschiedlich auf dasselbe Medikament ansprechen, ist das Enzym, das Methylphenidat abbaut. Davon haben Frauen rund 20 Prozent mehr.

Frauen und Männer

Elisa Müller und Anke Fender fassen zusammen, wie die wichtigsten ADHS-Medikamente wirken und wo sich Geschlechterunterschiede zeigen. Zum Mechanismus: Methylphenidat und Amphetamine blockieren die Wiederaufnahme-Transporter für Dopamin und Noradrenalin. Dadurch wirken beide Botenstoffe länger im synaptischen Spalt, dem winzigen Zwischenraum zwischen zwei Nervenzellen. Amphetamine hemmen zusätzlich das Abbau-Enzym MAO. Bei Frauen liegt die Menge des Enzyms CES1, das Methylphenidat in der Leber abbaut, im Schnitt rund 20 Prozent höher als bei Männern. Das führt zu einem anderen Wirkstoffspiegel im Blut.

Bildgebungsstudien fanden außerdem bei Frauen eine stärkere Dopamin-Ausschüttung nach Methylphenidat-Einnahme, verbunden mit einer stärker empfundenen Wirkung. Auch der zeitliche Verlauf war anders: Bei Mädchen war die empfundene Wirkung nach 90 Minuten stärker, nach 12 Stunden aber schwächer als bei Jungen. Das deutet auf einen unterschiedlichen Bedarf bei retardierten Präparaten hin, also solchen mit verzögerter Wirkstoffabgabe. Beim Zyklus zeigte eine ältere Studie zu Amphetaminen:

Je höher der Östrogen- und je niedriger der Progesteronspiegel, desto stärker war die empfundene Wirkung. In der Lutealphase war die Wirkung schwächer als bei Männern. Bei Atomoxetin war die Wirksamkeit bei Mädchen und Jungen vergleichbar (67 vs. 63 Prozent), Mädchen brachen die Behandlung aber häufiger ab. Frauen mit ADHS zeigten in einer zitierten Studie zudem eine stärkere Verbesserung der Lebensqualität durch eine nicht-medikamentöse Alltagsintervention (Cog-Fun-A) als Männer.

Große Teile der zugrunde liegenden Mechanismus-Forschung stammen aus Tierstudien (v. a. Ratten), nicht direkt von Menschen. Die Autorinnen selbst betonen, dass zu Geschlechterunterschieden bei ADHS-Medikamenten in nahezu allen Bereichen noch erhebliche Forschungslücken bestehen.

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Was heißt das für dich?

Ändere die Dosis bitte nicht selbst, eine Anpassung gehört in ärztliche Hände. Halte die Schwankungen über zwei, drei Zyklen fest. Dann habt ihr eine gute Grundlage für das Gespräch.

de Jong, Wynchank, van Andel et al., Frontiers in Psychiatry

2023 9 Frauen (Fallserie) Den Haag, Niederlande

Alle 9 Frauen berichteten von besseren ADHS- und Stimmungssymptomen, nachdem ihre Medikamentendosis in der prämenstruellen Woche vorübergehend erhöht wurde.

Nur Frauen

Ein Behandlungsteam der ADHS-Fachklinik PsyQ in Den Haag ging einer wiederkehrenden Beobachtung nach. Mehrere Patientinnen berichteten in der Woche vor der Periode von stärkeren ADHS-Symptomen und schlechterer Stimmung, obwohl ihre Medikamentendosis gleich blieb. Das Team begleitete neun aufeinanderfolgende Patientinnen mit ADHS und einer Begleiterkrankung wie Depression oder PMDS. Es erhöhte probeweise die Dosis des Stimulans (zum Beispiel Methylphenidat oder Amphetamine) für die prämenstruelle Woche und beobachtete die Wirkung über 6 bis 24 Monate.

Alle neun Frauen berichteten, dass sich ihre Unaufmerksamkeit, Reizbarkeit und Energie in dieser Woche verbesserten, bei minimalen Nebenwirkungen. Alle entschieden sich, die höhere prämenstruelle Dosis beizubehalten. Die zugrunde liegende Idee: Östrogen und Dopamin hängen zusammen. Sinkt der Östrogenspiegel vor der Periode, könnte dieselbe Medikamentendosis schlicht schwächer wirken als in anderen Zyklusphasen.

Reine Fallserie (eine Beschreibung weniger Einzelfälle) ohne Kontrollgruppe und mit nur neun Frauen. Eine europäische Übersichtsarbeit (Kooij et al., 2025) nennt zyklusangepasste Dosierungen als möglichen Ansatz und betont, wie wenig dazu bisher untersucht ist. Eine Dosisänderung sollte ausschließlich in Rücksprache mit der behandelnden Ärzt:in erfolgen.

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Was heißt das für dich?

Deine eigenen Beobachtungen sind dann besonders hilfreich. Notiere, wie sich Konzentration und Stimmung über die Wochen verändern, und nimm die Notizen mit in den Termin.

Wynchank & Kooij, Drugs & Aging

2026 Übersichtsarbeit Niederlande
Nur Frauen

Die niederländischen ADHS-Expertinnen Dora Wynchank und Sandra Kooij fassen den Wissensstand zusammen. Es geht um ADHS-Medikamente bei Frauen in der Perimenopause, der Menopause und danach.

Es gibt bislang keine randomisierten kontrollierten Studien zu ADHS-Medikamenten speziell bei Frauen in der Perimenopause und danach. Randomisiert heißt: Die Teilnehmerinnen werden per Zufall auf Behandlung und Vergleichsgruppe verteilt. Das gilt als stärkster Nachweis für die Wirkung eines Medikaments. Die Behandlung in dieser Lebensphase stützt sich deshalb auf Erfahrungswissen von Fachleuten, auf Daten aus jüngeren Altersgruppen und auf kleine Beobachtungsstudien.

Übersichtsarbeit, keine neue Studie. Sie zeigt vor allem, wo Forschung fehlt.

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Inhaltshinweis: Die nächste Studie handelt von Medikamenten in der Schwangerschaft und möglichen Folgen für das Kind. Du kannst sie überspringen.

Was heißt das für dich?

Plane das Gespräch am besten schon vor der Schwangerschaft ein. Dann könnt ihr in Ruhe abwägen, was eine Pause für deinen Alltag bedeuten würde und was das Weiternehmen.

Madsen et al., Molecular Psychiatry

2025 861.650 Kinder Schweden & Dänemark
Nur Frauen

Diese Registerstudie nutzte die schwedischen Gesundheitsdaten aller Geburten von 2008 bis 2017: 861.650 Kinder von 572.731 Müttern. Untersucht wurden Methylphenidat, Amphetamine und Atomoxetin. Die Forschenden verglichen Kinder mit und ohne Kontakt zu diesen Medikamenten im Mutterleib. Sie verglichen auch Geschwister miteinander.

Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft ADHS-Medikamente nahmen, hatten kein erhöhtes Risiko für ADHS, Autismus oder andere Entwicklungsstörungen. Zusammen mit dänischen Daten ausgewertet, ergab sich dasselbe Bild. Eine große US-Studie (Suarez et al., 2024) fand für Amphetamine ebenfalls kein erhöhtes Risiko. Ein Hinweis bei Methylphenidat verschwand dort, als die ADHS der Mütter genauer berücksichtigt wurde.

Registerstudie ohne zufällige Zuteilung, unbekannte Einflüsse lassen sich nicht ganz ausschließen. Untersucht wurde die Entwicklung der Kinder. Andere Fragen, etwa zum Risiko einer Frühgeburt, beantwortet die Studie nicht.

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Beziehungen & Bindungsmuster

Was macht ADHS mit Liebe und Nähe?

5 Studien · ca. 6 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge

Inhaltshinweis: In diesem Thema geht es auch um Gewalt in Beziehungen und um Sexualität. Du kannst Karten überspringen, die dich gerade belasten. Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist unter 116 016 rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym. Wenn dich etwas davon länger beschäftigt, sprich mit Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen.

Was heißt das für dich?

Dafür gibt es den Begriff Zurückweisungsempfindlichkeit (englisch: RSD). Er stammt aus der Praxis und ist keine offizielle Diagnose. Wenn du das Muster kennst, kannst du früher gegensteuern, zum Beispiel mit einer kurzen Pause, bevor du auf eine Nachricht antwortest.

Woran merkst du, dass dich gerade die Angst vor Ablehnung steuert?

Manche spüren es im Bauch, andere am Drang, sofort zu antworten oder sich zurückzuziehen. Je früher du dein Signal erkennst, desto mehr Wahl hast du, wie du reagierst.

O'Brien, Kini-Seery, Kelly et al., Journal of Marital and Family Therapy

2026 355 Erwachsene mit ADHS Irland
Frauen und Männer

Forscher:innen des University College Dublin werteten Freitext-Antworten von 355 Erwachsenen mit ADHS aus, befragt zu ihren romantischen Beziehungserfahrungen, mittels reflexiver thematischer Analyse. Viele Teilnehmende beschrieben eine starke Angst vor Zurückweisung. Sie führte entweder zu übermäßiger Anpassung oder zum Rückzug aus Nähe. Die Auswertung beschreibt dahinter ein Muster. Rejection Sensitivity, also ausgeprägte Angst vor Zurückweisung, führt zu zwei gegensätzlichen Überlebensstrategien. Die eine ist übermäßiges Anpassen aus Angst vor dem Verlassenwerden. Die andere ist, Nähe ganz zu vermeiden, nach dem Motto „lieber allein als verlassen“.

Beide Muster machen anfällig für Dynamiken, die rückblickend als toxisch beschrieben werden. Dazu gehört Love-Bombing, das bei chronischem Mangel an Bestätigung besonders stark wirkt, oder langes Ausharren in Beziehungen aus Angst, niemand anderen zu finden.

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Inhaltshinweis: Sexualität und sexuelle Gewalt. Du kannst diese Karte überspringen. Hilfe: Hilfetelefon 116 016.

Was heißt das für dich?

Daran lässt sich arbeiten, mit Übung und mit Menschen, bei denen du dich sicher fühlst.

Bei wem fällt es dir heute schon leicht, Nein zu sagen?

Schau dir an, was in diesen Situationen anders ist. Darin steckt oft ein Hinweis darauf, was du auch in anderen Beziehungen brauchst.

Wallin, Wallin Lundell, Hanberger, Alehagen & Hultsjö, BMC Women's Health

2022 15 Frauen, 15 bis 29 Jahre Linköping, Schweden
Nur Frauen

Forscherinnen der Universität Linköping in Schweden führten Einzel- und Fokusgruppeninterviews mit 15 jungen Frauen zwischen 15 und 29 Jahren, alle mit ADHS-Diagnose. Es ging um ihre Erfahrungen mit Sexualität und Beziehungen. Geringes Selbstwertgefühl und ein negatives Selbstbild erschwerten die Kommunikation in intimen Situationen erheblich und verstärkten die Angst vor Zurückweisung. Mehrere Teilnehmerinnen berichteten zudem von Schwierigkeiten, die Absichten von Partnern realistisch einzuschätzen, was in einzelnen Fällen zu sexueller Viktimisierung beitrug.

Eine Folgestudie derselben Gruppe von 2024 befragte 16 Gesundheitsfachkräfte. Sie bestätigte dasselbe Muster aus klinischer Außenperspektive: komplizierte Liebesbeziehungen, geprägt von früheren Erfahrungen und geringem Selbstwert. Die Übereinstimmung zwischen Selbstbericht und klinischer Beobachtung macht den Befund besonders glaubwürdig. Beide Studien zusammen legen nahe, dass Aufklärung und Selbstwertarbeit fester Bestandteil der Begleitung junger Frauen mit ADHS sein sollten.

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Was heißt das für dich?

Methoden, an die du nicht täglich denken musst, wie Spirale oder Implantat, nehmen dir einen Teil davon ab. Sprich die Möglichkeiten in Ruhe mit deiner Gynäkolog:in durch.

Offranc, Galesne, Macalli et al., BMJ Mental Health

2025 13.085 Studierende (76 % Frauen) Frankreich
Frauen und Männer

Die französische i-Share-Studie befragte 13.085 Studierende, drei Viertel davon Frauen, im Schnitt knapp 21 Jahre alt. ADHS-Symptome wurden mit dem Selbsttest ASRS erfasst, eine Diagnose war keine Voraussetzung. 5,3 Prozent erreichten ein hohes Symptomniveau.

32,5 Prozent der Studentinnen mit vielen ADHS-Symptomen verhüteten aktuell nicht, gegenüber 21,2 Prozent der übrigen Studentinnen. Sie hatten auch häufiger schon einmal die Pille danach genommen (51,5 gegenüber 46,7 Prozent). Einen Schwangerschaftsabbruch hatten 6,4 gegenüber 3,9 Prozent erlebt. Über alle Studierenden hinweg gaben Menschen mit vielen ADHS-Symptomen außerdem häufiger eine sexuell übertragbare Infektion im letzten Jahr an.

Querschnittsstudie mit Selbstauskunft. Gemessen wurden Symptome, keine Diagnosen. Die Teilnehmenden waren jung und studierten, die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf ältere Frauen übertragen.

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Inhaltshinweis: Die nächsten beiden Studien handeln von Gewalt in Beziehungen. Sie können belasten, du kannst sie überspringen. Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016, kostenlos und rund um die Uhr. Bei akuter Gefahr 112.

Inhaltshinweis: Gewalt in Beziehungen. Du kannst diese Karte überspringen.

Was heißt das für dich?

Wissen kann dich trotzdem schützen, zum Beispiel wenn du Warnzeichen wie Kontrolle oder Isolation früh erkennst.

Welche Menschen in deinem Leben merken, wenn es dir in einer Beziehung nicht gut geht?

Freundinnen, Familie oder Kolleginnen bemerken Veränderungen oft früher als du selbst. Wenn du Unterstützung brauchst: Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist unter 116 016 rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym.

Arrondo, Osorio, Magallón, Lopez-del Burgo & Cortese, Psychological Medicine

2023 14 Studien, 1.111.557 Personen Navarra, Spanien / Southampton, UK
Frauen und Männer

Diese Metaanalyse von Forschungsteams der Universität Navarra und der University of Southampton fasst 14 Einzelstudien mit zusammen 1.111.557 Personen zusammen. Damit ist sie die bislang umfangreichste Evidenzbasis zu diesem Thema. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen ADHS und dem Risiko, Opfer oder Täter:in von häuslicher und sexualisierter Gewalt zu werden. Menschen mit ADHS hatten ein 1,78-fach erhöhtes Risiko, Opfer von Partnerschaftsgewalt zu werden. Das Risiko, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, war 1,84-fach erhöht. Auch als Täter:innen war das Risiko statistisch erhöht.

Die Autor:innen betonen ausdrücklich, dass diese Gewaltformen Frauen weltweit überproportional betreffen, auch wenn die Metaanalyse selbst nicht separat nach Geschlecht aufschlüsselt. Für die Opfer-Zahlen lagen allerdings nur vier bzw. sechs Studien vor und die Ergebnisse schwankten stark.

Metaanalyse schlüsselt nicht nach Geschlecht auf, aber bislang die größte Evidenzbasis zu diesem Thema.

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Inhaltshinweis: körperliche Gewalt in Beziehungen. Du kannst diese Karte überspringen. Hilfe: Hilfetelefon 116 016.

Was heißt das für dich?

Das spricht dafür, dass Unterstützung in Schule und Jugend schützen kann. Auch als Erwachsene kannst du an dem arbeiten, was dich stärkt.

Was hat dich früher gestärkt, als es schwierig war?

Zum Beispiel eine Lehrerin, die an dich geglaubt hat, oder ein Hobby, in dem du richtig gut warst. Solche Erfahrungen kannst du heute bewusst wieder aufsuchen.

Guendelman, Ahmad, Meza, Owens & Hinshaw, Journal of Abnormal Child Psychology

2016 193 Frauen, längsschnittlich Berkeley, USA
Nur Frauen

Diese Studie ist Teil der bekannten Berkeley-Längsschnittstudie zu Mädchen mit ADHS. Methodisch gehört sie zu den stärksten Arbeiten zum Thema, weil die Teilnehmerinnen über Jahre prospektiv begleitet wurden, also fortlaufend beobachtet. 114 Mädchen mit ADHS-Diagnose in der Kindheit wurden mit 79 Mädchen ohne ADHS verglichen und bis ins junge Erwachsenenalter weiterverfolgt. Frauen mit einer ADHS-Diagnose in der Kindheit erlebten im jungen Erwachsenenalter (17 bis 24 Jahre) deutlich häufiger körperliche Gewalt durch einen Partner als die Vergleichsgruppe.

Die Forscher:innen untersuchten auch, was diesen Zusammenhang teilweise erklärt: Schulische Leistungen in der Jugend vermittelten einen Teil des Effekts. Weil die Mädchen über Jahre begleitet wurden, ist die Reihenfolge klar: Die Diagnose kam vor der Gewalterfahrung. Einen Ursache-Wirkungs-Nachweis liefert die Studie trotzdem nicht. Das spricht dafür, idealerweise schon im Jugendalter unterstützend anzusetzen, statt erst auf spätere Krisen zu reagieren.

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Maskieren & psychische Gesundheit

Warum bin ich abends so leer?

1 Studie · ca. 1 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge

Inhaltshinweis: Diese Studie beschreibt, was langes Verbergen an psychischer Gesundheit kosten kann. Wenn es dir gerade schlecht geht: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, kostenlos und rund um die Uhr. Bei akuter Gefahr 112.

Was heißt das für dich?

Wenn du nach außen gut funktionierst und abends trotzdem leer bist, kann das dahinterstecken. Du musst die Maske nicht von heute auf morgen ablegen.

Wo oder mit wem musst du heute schon am wenigsten funktionieren?

Zum Beispiel bei einer Freundin, zu Hause am Sonntagmorgen oder allein beim Spazierengehen. Solche Momente kannst du bewusst öfter einplanen.

Wicherkiewicz & Gambin, Journal of Autism and Developmental Disorders

2024 329 Frauen mit ADHS Warschau, Polen
Nur Frauen

Forscherinnen der Universität Warschau befragten 329 Frauen mit selbst angegebener ADHS-Diagnose online und maßen, wie stark sie ihre Symptome im Alltag verbergen. Dafür nutzten sie neue Fragen, angelehnt an einen Fragebogen aus der Autismus-Forschung (CAT-Q). Das Ergebnis war eindeutig: Je stärker die Frauen maskierten, desto geringer war ihre Lebenszufriedenheit und desto ausgeprägter ihre depressive Symptomatik. Die Studie liefert damit Zahlen dafür, dass Maskieren mit geringerem psychischen Wohlbefinden zusammenhängt.

Für die Praxis bedeutet das: Wer von außen gut zurechtzukommen scheint, kann innerlich trotzdem stark belastet sein. Das ist ein Muster, das bei Frauen mit ADHS oft zu spät erkannt wird, weil die Fassade so gut funktioniert.

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Körper & Gesundheit

Was hat ADHS mit meinem Körper zu tun?

6 Studien · ca. 8 Min.

So belastbar ist eine Studie

Gut belegtMetaanalysen, große Übersichten, sehr große Registerstudien
Erste Hinweiseeinzelne Studien, kleinere Übersichten
EinzelbeobachtungFallserien, kleine Programme, Kongressbeiträge
Was heißt das für dich?

Feste Aufstehzeiten, Tageslicht am Morgen und gedimmtes Licht am Abend können helfen. Erste kleine Studien mit Lichttherapie und Melatonin bei Erwachsenen mit ADHS deuten in diese Richtung. Bei anhaltenden Schlafproblemen ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.

Wann bist du am wachsten und wie viel davon lässt dein Alltag zu?

Wenn du deine beste Zeit kennst, kannst du wichtige Aufgaben dorthin legen, so weit es geht. Manchmal hilft schon ein Gespräch über Gleitzeit.

Coogan & McGowan, ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders

2017 62 Studien, 4.462 Patient:innen Irland
Frauen und Männer

Für diese systematische Übersicht wertete ein Team der Maynooth University 62 Studien mit 4.462 Patient:innen aus. Untersucht wurde die innere Uhr, Fachleute sagen zirkadianer Rhythmus.

Über die Studien hinweg zeigte sich bei ADHS durchgängig eine Neigung zur Nachteule und ein verspäteter Anstieg des Schlafhormons Melatonin. Das Melatonin steigt am Abend an und macht müde. Kommt es später, verschiebt sich auch das Einschlafen. Eine spätere Übersichtsarbeit (Bijlenga et al., 2019) nennt eine verschobene Schlafphase bei 73 bis 78 Prozent der untersuchten Menschen mit ADHS. Diese Zahl beruht allerdings auf kleinen Studien.

Nicht frauenspezifisch. Es wurde keine Metaanalyse gerechnet, die einzelnen Studien sind oft klein und unterschiedlich angelegt.

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Was heißt das für dich?

Erzähl deiner Ärzt:in von beidem, auch wenn es auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hat.

In welchen Momenten sind deine Schmerzen leiser?

Achte ein paar Tage darauf, was dann anders ist, etwa mehr Bewegung oder weniger Stress. Solche Beobachtungen helfen dir und deiner Ärzt:in weiter.

Kasahara et al., Scientific Reports

2025 4.028 Erwachsene Japan
Frauen und Männer

Ein japanisches Forschungsteam befragte 4.028 Erwachsene zwischen 20 und 64 Jahren online, knapp die Hälfte davon Frauen. 1.465 von ihnen hatten chronische Schmerzen. ADHS-Symptome wurden mit dem Selbsttest ASRS erfasst, autistische Züge mit einem eigenen Fragebogen.

In der Gruppe mit den stärksten Schmerzen war mehr als jede dritte Person (38,3 Prozent) im ADHS-Screening auffällig.

Wer im ADHS-Screening auffällig war, hatte eine gut dreimal so hohe statistische Chance für extreme Schmerzen. Nach Berücksichtigung der psychischen Gesundheit lag sie noch fast dreimal so hoch (Odds Ratio 2,73). ADHS-Symptome hingen enger mit chronischen Schmerzen zusammen als die allgemeine psychische Belastung. Für autistische Züge zeigte sich kein solcher Zusammenhang.

Querschnittsstudie mit Online-Befragung. Gemessen wurden Symptome, keine Diagnosen. Die Ergebnisse wurden nicht getrennt für Frauen ausgewertet.

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Was heißt das für dich?

Das liegt auch an den Umständen und sagt nichts über deinen Einsatz. Hilfe zu holen ist in dieser Lage ein sinnvoller Schritt.

Welche Unterstützung steht dir zu, die du bisher nicht nutzt?

Das können Beratungsstellen sein, Entlastung bei der Kinderbetreuung oder Angebote deiner Krankenkasse. Eine Nachfrage lohnt sich oft, auch wenn sie Überwindung kostet.

Wilson, O'Hare, Minnis et al., Nature Mental Health

2026 über 120.000 Frauen Wales, UK

39 Prozent der Mehrfacherkrankungen bei Frauen mit ADHS und Armut in der Kindheit ließen sich auf das Zusammenspiel beider Faktoren zurückführen.

Nur Frauen

Ein Forschungsteam der Universität Glasgow wertete Gesundheitsdaten von 122.480 Frauen aus Wales aus. Sie wurden zwischen 1991 und 1998 geboren und bis ins Alter von 18 bis 32 Jahren verfolgt. Frauen mit einer ADHS-Diagnose aus der Kindheit hatten im Erwachsenenalter ein rund 2,4-fach erhöhtes Risiko für Mehrfacherkrankungen. Verglichen wurden sie mit sorgfältig abgeglichenen Kontrollpersonen ohne ADHS. Wer zusätzlich in der am stärksten benachteiligten sozioökonomischen Gruppe aufwuchs, hatte ein noch deutlich höheres Risiko. Es lag über dem, was die Summe beider Einzelfaktoren erwarten ließ.

39 Prozent des Mehrfacherkrankungsrisikos in dieser Gruppe gingen auf die Wechselwirkung von ADHS und Armut in der Kindheit zurück. Dieser Anteil kommt zu den beiden Einzelfaktoren noch hinzu. Bei der Frage, welche Erkrankungen typischerweise gemeinsam auftreten, zeigte sich bei Frauen mit ADHS eine besonders belastete Gruppe mit hoher psychiatrischer Komplexität. Dort kam die Borderline-Persönlichkeitsstörung auffällig gehäuft vor, in allen anderen Krankheitsclustern fehlte sie komplett. Auch eine posttraumatische Belastungsstörung war dort häufiger.

Beobachtungsdaten ohne Kausalitätsnachweis, sozioökonomische Benachteiligung wurde gebietsbezogen statt individuell gemessen, Datenbasis stammt aus einem einzelnen Land (Wales).

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Was heißt das für dich?

Typ-2-Diabetes hatten 4,1 gegenüber 2,0 Prozent. Der Befund ist ein guter Anlass, Vorsorgetermine wahrzunehmen. Eine Erinnerung im Kalender für den nächsten Check-up hilft dabei.

Welche Gewohnheit tut deinem Körper heute schon gut?

Das kann der Weg zu Fuß zur Arbeit sein oder eine feste Schlafenszeit. Von dort aus kannst du in kleinen Schritten weitergehen.

Jakobsdóttir Smári et al., BMC Medicine (SAGA-Kohorte)

2023 26.668 Frauen (2.299 mit ADHS) Island
Nur Frauen

Diese Studie aus der isländischen SAGA-Kohorte gehört zu den größten Untersuchungen zu diesem Thema, die nur Frauen einschlossen. Erfasst wurden 26.668 Frauen landesweit, davon 2.299 (8,6 Prozent) mit ADHS-Diagnose in der Vorgeschichte. Frauen mit ADHS-Diagnose hatten häufiger einen Herzinfarkt hinter sich (2,1 gegenüber 0,8 Prozent) und häufiger Typ-2-Diabetes (4,1 gegenüber 2,0 Prozent). Mögliche Erklärungen wie chronischer Stress, wenig Schlaf oder unregelmäßiges Essen hat die Studie selbst nicht untersucht.

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Inhaltshinweis: Die nächsten beiden Studien handeln von Essstörungen und Essanfällen. Das kann belasten, du kannst sie überspringen.

Was heißt das für dich?

Sag deshalb in beiden Praxen, dass es das andere Thema auch gibt. Dann können die Behandelnden beides zusammen betrachten.

Wer könnte dich dabei unterstützen, den ersten Termin zu machen?

Anrufe kosten viele Menschen mit ADHS Überwindung. Eine Freundin, die beim Telefonat neben dir sitzt, kann den Schritt leichter machen. Beratung bekommst du zum Beispiel beim Infotelefon Essstörungen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) unter 0221 892031. Erreichbar ist es Mo bis Do 10 bis 22 Uhr und Fr bis So 10 bis 18 Uhr, zum Festnetztarif.

Nazar, Bernardes, Peachey, Sergeant, Mattos & Treasure, International Journal of Eating Disorders

2016 17 Studien, über 4.000 Menschen mit ADHS Großbritannien & Brasilien
Frauen und Männer

Ein britisch-brasilianisches Team um die Essstörungs-Forscherin Janet Treasure vom King's College London ging zwei Fragen nach. Wie häufig sind Essstörungen bei ADHS? Dazu flossen 12 Studien mit 4.013 Menschen mit ADHS und 29.404 Vergleichspersonen ein. Und wie häufig ist ADHS bei Essstörungen? Dazu kamen fünf weitere Studien.

Bei Menschen mit ADHS war eine Essstörung deutlich wahrscheinlicher als bei Menschen ohne ADHS, am stärksten bei Bulimie. Die statistische Chance (Odds Ratio) lag für Essstörungen insgesamt bei 3,82, für Bulimie bei 5,71 und für die Binge-Eating-Störung bei 4,13. Binge-Eating heißt: wiederkehrende Essanfälle ohne Gegenmaßnahmen wie Erbrechen. Umgekehrt war auch ADHS bei Menschen mit Essstörung häufiger.

Nicht nach Geschlecht ausgewertet. Die Studien waren unterschiedlich angelegt. Mit klinischem Interview fielen die Zusammenhänge stärker aus als mit Fragebögen.

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Was heißt das für dich?

Feste Essenszeiten mit Erinnerung im Handy sind ein erster praktischer Schritt. Wenn Essanfälle dich belasten, ist eine Beratungsstelle für Essstörungen eine gute Adresse.

Was brauchst du in Momenten, in denen du zum Essen greifst, eigentlich gerade?

Manchmal ist es Hunger nach einem langen Hyperfokus. Manchmal ist es Trost, Ruhe oder Abwechslung. Wenn du das Bedürfnis kennst, findest du leichter weitere Wege, es zu erfüllen. Beratung bekommst du zum Beispiel beim Infotelefon Essstörungen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) unter 0221 892031. Erreichbar ist es Mo bis Do 10 bis 22 Uhr und Fr bis So 10 bis 18 Uhr, zum Festnetztarif.

Mocini, Maiolo, Aquila et al., Women

2026 140 Frauen mit ADHS + 140 Kontrollen Italien

22 Prozent der Frauen mit ADHS-Diagnose zeigten eine schwere Essanfall-Symptomatik, gegenüber 11 Prozent in der Kontrollgruppe.

Nur Frauen

Ein italienisches Forschungsteam befragte online 1.438 erwachsene Frauen, rekrutiert über allgemeine Social-Media-Kanäle außerhalb von ADHS-Communitys. Verglichen wurden 140 Frauen mit selbstberichteter ADHS-Diagnose und 140 Frauen ohne ADHS-Diagnose, passend nach Alter, Bildung und Beschäftigung. Essanfall-Symptome wurden mit der Binge Eating Scale erfasst, einem etablierten Screening-Fragebogen. 22,1 Prozent der Frauen mit ADHS erreichten den Schwellenwert für schwere Essanfall-Symptomatik. In der Kontrollgruppe waren es 11,4 Prozent, also knapp halb so viele.

Der Unterschied blieb auch nach Kontrolle von Alter und Body-Mass-Index bestehen. Als mögliche Erklärungen diskutiert das Team unter anderem Schwierigkeiten bei der Essensplanung und vergessene Mahlzeiten im Hyperfokus mit anschließendem Heißhunger. Dazu kommt Essen als Weg, schwierige Gefühle zu regulieren. Es betont aber ausdrücklich, dass diese Mechanismen selbst nicht direkt getestet wurden.

ADHS-Diagnose war selbstberichtet, nicht klinisch überprüft. Die Kontrollgruppe könnte unentdeckte ADHS-Fälle enthalten, was den gefundenen Unterschied eher unter- als überschätzt.

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Nächster Schritt

Erkennst du dich in der Forschung wieder?

Das ordnen wir im Coaching gemeinsam für dich ein. Der erste Schritt dahin ist das kostenlose Orientierungsgespräch.

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